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Lumen in Rauhnächtenoder: der ganz normale Irrsinn am Rande der Welt

Geschrieben am: 18. März 2026
Von: Claudia Mertens

Die Geschichte die ich euch jetzt erzählen will, ruft ehrlich gesagt schon in der detailarmen Version immer ein leicht irres Kichern in meinen Gehirnwindungen aus wenn ich mich an diesen Abend zurück erinnere – noch lustiger wird sie, wenn sich die werte Leserschaft bei jedem Wort vorstellt, wie eine neue Bekanntschaft meiner älteren Tochter am Tisch sitzt – wohlerzogen und wohlvertraut mit dem Leben und den Prioritäten normaler Menschen – erstmals Einblick erhaltend in die Welt außerhalb der linearen Zeitströme.
Es war in der dunkelsten Zeit des Jahres um Neujahr herum. Schon seit einigen Tagen wusste ich, dass sich irgendwo im Dorf ein junges Kätzchen herum treiben musste. Es war aus einer dämlichen Situation entwischt und seither auf sich allein gestellt. Wir saßen im wohlig gewärmten Wohnzimmer am Esstisch, genossen schon seit ein paar Stunden bei Kerzenlicht Tee mit Wölkchen und unterhielten uns ganz wunderbar. Irgendwann wurde uns bewusst, dass da noch eine zusätzliche Stimme von außerhalb mit diskutierte, gar nicht mal leise oder schüchtern sondern mehr so: “Ey ihr da, aufmachen aber SOFORT, ich
habe HUNGER!“ – im ersten Moment dachte ich, sie könnte unserer gesprächigen blinden Katze Monti gehören, aber als ich die Türe nach draußen öffnete, saß keine Monti davor.
Ich spähte genauer in die Nacht – und entdeckte zwei Mondaugen die aus der Dunkelheit von unter dem Auto, aus noch größerer Dunkelheit, aufmerksam in meine Richtung spähten. Ich war mir keine Sekunde lang im Zweifel: “Das Kätzchen besucht uns – wir müssen es füttern, vielleicht können wir es einfangen!“ In Windeseile war eine Schale mit Futter befüllt und in die Nähe des Autos gestellt. Tatsächlich war das Zwerglein so hungrig, dass es kaum Vorsicht walten ließ und sofort aus seinem Versteck kam, um sich endlich mal das Bäuchlein voll zu schlagen. Eigentlich schon ein kleines Wunder, dass es überhaupt so lange durchgehalten hatte. Vorsichtig schlich ich mich näher - - - - fast, fast, fast, es entschlüpfte meinen Händen und sauste in Windeseile in unseren Schuppen, der damals noch keine Kuchenscheune war, sondern ein, wie soll ich es nennen? Saustall? Müllhalde? Gerümpelhaufen? Schrottplatz?

(Ich bin schamlos genug das es unter dem Beitrag „wie alles begann“ tatsächlich ein Bild vom damaligen Zustand zu sehen gibt.)
Übrigens gebe ich dieses leicht peinliche Detail nicht preis, weil ich stolz darauf bin, sondern weil es wichtig ist um dem Rest der Geschichte genug Drama und Spannung zu verleihen.

Wie auch immer, das Kätzchen sauste also in den Raum – und ich sofort hinterher. Torflügel zu, Licht an, immerhin, das arme kleine Tierchen befand sich in einem geschlossenen Raum ohne Ausgang - na ja, wenn man mal von dem gut 15cm breiten Spalt zwischen Boden und Torkante absah. Mir war also sofort klar, dass ich auf keinen Fall meine strategische Position vor dem Notausgang verlassen würde. Draußen hätten wir wirklich gar keine Chance mehr das Kleine zu fangen, nicht einmal am Tag, aber ganz sicher nicht in der Nacht. Seit es vor mir her in die Scheune gesaust war wusste ich, dass ich selten eine vollkommener schwarze Katze gesehen hatte als diese. Kein einziges weißes Haar am ganzen Körper – wunderschön blauschwarz schimmernd. Ich stand da also vor dem Tor herumdibum und spähte aufmerksam in das unübersichtliche Chaos vor mir. Stille, Schatten, Gerümpel, - Minuten vergingen – ganz allmählich wurde mir bewusst, das wir uns im Winterhalbjahr befanden und ich selbstverständlich in meiner wohl koordinierten, klar strukturierten und bis ins kleinste durchdachten Rettungsmission nicht mit einkalkuliert hatte, dass selbst zu Zeiten der Klimaerwärmung manchmal Winterklamotten echt sinnvoll sein können. Bei dem Gedanken war ich gerade angekommen, als vom Haus her mein aufmerksamer Göttergatte ankam: “Wir dachten du frierst vielleicht, ich habe deine Jacke mit gebracht.“ - „Oh wie großartig! Vielen Dank –hast du auch Schuhe dabei?“ Die Wollsocken wärmten irgendwie auch nicht mehr so richtig, seitdem ich mit ihnen strumpfig über den Rasen gerast war.
Ich wollte gerade in die Jacke schlüpfen, als ich aus einer Richtung ein Geräusch zu hören glaubte. „Dirk, das muss sie sein – ich muss diese Ritze hier bewachen, kannst du sie fangen?“ In einem glasklaren Moment der Selbsteinschätzung antwortet mein Mann ganz trocken:“ Nein, ganz sicher nicht!“ - Uhhhhhhhhhrrrrrg – MANCHMAL!
„Na gut, dann bewachst du die Ritze und hältst sie auf wenn ich sie wieder nicht bekomme. Notfalls schmeiß dich einfach der Länge nach vor das Tor und ich versuche nochmal sie zu fangen“ – Hochkonzentriert schlich ich immer noch auf Strümpfen und ohne Jacke in Richtung einer Ecke, aus der ich das Geräusch zu hören geglaubt hatte, ganz langsam mit allen mir zur Verfügung stehenden Sinnen auf Höchstleistung gestellt, starrte ich in die Richtung - - - sprang nach vorne - - - und bekam mit bewundernswerter Präzision einen löchrigen Fahrradschlauch zu fassen. Dirk stirbt heute noch fast vor
Lachen, wenn er an diese Szene denkt. Man muss dazu vielleicht wissen, dass die Formulierung „Sinne auf Höchstleistung“ zumindest in Bezug auf meine Augen schon seit frühester Kindheit eine ziemlich relative Aussage ist – soll heißen: Relativ ziemlich beschissen – Minus 10,5 Dioptrin, dass soll mir erst mal jemand nachmachen.
Aber eine gute Seite hatte meine irre Aktion auf jeden Fall – also eigentlich sogar zwei – wie gesagt, Dirk hat sich fast totgelacht und Lachen ist ja bekanntlich so gesund, aber mindestens genauso wichtig: Das Kätzchen erschreckte sich so sehr über das Gepolter, das umstürzende Fahrradrahmen, Autofelgen und Schneeschieber auslösten, dass es aus seinem echten Versteck genau gegenüber heraus flitzte, um sich anderswo in Sicherheit zu bringen. Dabei entdeckte ich es dann tatsächlich, und zu unser aller großem Glück war das neue Versteck nicht wirklich ein Versteck. Das Tierchen sauste ein paar in der Ecke lehnende Holzpfosten hinauf – bis diese zu Ende waren – und dann saß es da, als schwarze Silhouette vor der weißen Wand, selbst für Maulwurfsaugen wie meine ein klar zu erkennender Kontrast (ich entschuldige mich hiermit in aller Form bei Tschirks – ich will hier niemanden mobben, das ist nur so eine menschliche Redewendung). Ich stürzte hin und griff mit beiden Händen zu. Das arme Tierchen, kein Wunder das es sich erst einmal ganz und gar grauenhaft erschreckte und natürlich wehrte. Alle vier krallenbewehrten Pfötchen klammerten und kratzen gleichzeitig meinen Unterarm, während das Miniaturmäulchen sich in mein Handgelenk verbiss. Ziemlich lange zeugten vier rote kleine Punkte, eingestanzt von den Eckzähnchen, quadratisch angeordnet im Abstand von hinreißend winzigen 1,5cm davon, wie klein das Gebiss der schwarzen Katze zu dieser Zeit noch war.

„Mach, was du willst, ich lass dich auf gar keine Fall los!“ - Adrenalin ist schon ein ziemlich geiles Zeug oder, was sagt ihr? In höchster Glückseligkeit wegen der gelungenen Einfangaktion marschierte ich mit dem kleinen Vampir in unser Wohnzimmer, wo ich im ersten Moment nicht ganz verstand, warum ich nicht mit jubelnden Ovationen empfangen wurde, sondern die Blicke eher leicht entsetzt und besorgt wirkten. Das Mausezähnchen musste irgend eine recht vitale Ader getroffen haben, jedenfalls rann
nicht wenig Blut von meinem perforierten Handgelenk, die erhobenen Unterarme hinunter, um vom Ellbogen aus auf den Boden zu tropfen.
Das arme, verängstigte Kätzchen kam erst einmal mit reichlich Futter, Wasser und Kuscheldecke in unser Katzenklo – ein winziges Badezimmer das so heißt, weil alle unsere Katzen ihre ersten Nächte darin verbringen, damit sie erst einmal lernen wo sie ganz und gar in Sicherheit sind, bevor sie von diesem Raum aus nach und nach einen Raum nach dem anderen geöffnet und vorgeführt bekommen, und dann am Ende der Eingewöhnung die Katzenklappe mit dem Weg in die Freiheit entdecken dürfen.
Nach dieser kleinen Aufregung landeten wir alle wieder am Tisch bei der großen, dicken Teekanne und beratschlagten erst einmal über den Namen der Katze – Luzifer, Graf Dracula, Beelzebub, wir hatten eine ganze Reihe mehr oder weniger guter Ideen – aber als der Name „Lumina“ erstmals ausgesprochen worden war, gab es nicht mehr viel zu diskutieren.

Nicht mehr ganz so klein aber immer noch niedlich - so sieht Lumi heute aus


Meine jüngere Tochter hat fast ihre kompletten Weihnachtsferien im Katzenklo verbracht – mit nichts anderem beschäftigt als geduldig darauf zu warten, dass ihre Katze Lumina Vertrauen zu ihr fassen würde. Es hat eine ganze Weile gedauert. Meine Jagd war doch ein ziemlich traumatisierendes Erlebnis, aber es ist gelungen. Lumina ist bei uns geblieben, auch nachdem sie die Katzenklappe in die Freiheit entdecken durfte und sie ist und bleibt die Katze meiner Tochter, selbst jetzt wo diese längst ausgezogen ist, ist die Freude auf beiden Seiten jedes Mal unbeschreiblich, wenn sie sich wieder sehen.

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